„Weiterhin für Rat- und Hilfesuchende da“

Soltauer Teestube: Nach Coronaphase läuft Tagesbetrieb wieder an

„Weiterhin für Rat- und Hilfesuchende da“

Auf eine lange Geschichte kann die Teestube Soltau mittlerweile zurückblicken: Im November 1985 formierte sich der Trägerverein, und nach längerer Suche fanden Gründungsmitglied und damaliger Vorstand Reinhard Goepfert (†) sowie seine Mitstreiter schließlich passende Räumlichkeiten in der Bahnhofstraße 18. Dort wurde im September 1987 die Anlaufstelle eröffnet, und damit ein Platz für Treffen und Beratungen für Suchtkranke, Menschen mit psychischen Erkrankungen und Selbsthilfegruppen. Die Einrichtung, seit August 2018 an neuer Adresse in der Poststraße 15b zu finden, besteht somit seit fast 35 Jahren - und bis Corona kam, war die Teestube an 365 Tagen im Jahr geöffnet. Durch die Pandemie sei einiges ins Stocken geraten, weiß Marita Köhler: „Wir konnten zwischendurch zwar kurzfristig öffnen, mussten dann aber wieder schließen. Erst im Oktober 2021 startete schließlich der Gruppen-Modus neu“, so die Teestuben-Vorsitzende. Mittlerweile sei auch der Tagesbetrieb wieder angelaufen, „aber insgesamt gesehen ist alles noch nicht wieder richtig in Schwung gekommen.“ Daher wollen Köhler und die Ansprechpartner der Selbsthilfegruppen noch einmal auf die Angebote des Vereins Teestube aufmerksam machen: „Wir sind weiterhin für Rat- und Hilfesuchende da.“

Es sei nicht so, dass niemand mehr zur Teestube komme, die Besucherzahlen hätten sich laut Köhler nach der Coronazeit auch wieder etwas erholt - aber neue Gesichter seien wenige zu sehen. Weniger Zulauf auch bei den Gruppen: „Es waren früher mal mehr als zwölf, heute sind es nur noch neun Selbsthilfegruppen, die sich hier treffen“, so die Vorsitzende. „Und in manchen Gruppen sitzen dann manchmal nur zwei, drei Teilnehmer“, ergänzt Dorothee Kaptein.

Eine mögliche Erklärung dafür sehen die Organisatorinnen der Selbsthilfegruppen in der Pandemie - beziehungsweise in deren Nachwirkungen. Denn der Lockdown habe erst dafür gesorgt, dass die Teestube zeitweise ihre Türen schließen musste, dann aber vielleicht auch bei manchen die „Türen im Kopf“ zugeklappt: „Durch Corona sind viele zu Hause geblieben, anschließend aber nicht wiedergekommen“, meint Köhler. „Die Corona-Phase hat manchen vielleicht vermittelt, sie könnten einfach daheim bleiben und ab jetzt alles online regeln“, ergänzt Ute Carstens. Sicher könne heute vieles per Computer oder Smartphone abgewickelt werden, wissen beide, aber beim Angebot der Teestube zähle vor allem der persönliche Kontakt: „In der therapeutischen Arbeit ist es so wichtig, ein direktes Gegenüber zu haben und sich regelmäßig zu treffen“, hebt die Vorsitzende hervor. Doch jemandem „live“ gegenüberzutreten, dazu gehöre immer etwas Mut, weiß Roswitha Kieseler: „Manche trauen sich erst nicht, in die Gruppen zu kommen.“ Beim Online-Austausch, fügt Köhler hinzu, entfalle der „Scham-Faktor“: „Man kann im Internet total anonym bleiben, braucht vor niemandem ‚die Hosen herunterlassen‘, wenn man seine Probleme offenbart.“

Gleichzeitig gebe die Kommunikation in Chat-Gruppen vielen Nutzern wohl das Gefühl, etwas für sich und gegen die eigenen Suchtprobleme zu tun, meint die Vorsitzende. „Die Online-Generation ist da einfach anders.“ Und jünger meist auch: „In manchen unserer Gruppen liegt das Durchschnittsalter vielleicht bei Mitte 30, in anderen sind die Jüngsten bereits um die 50 - und alle unter 30 kommen im Grunde fast gar nicht zu uns.“ Bei letzteren, ergänzt Sabine Mc Arthur, laufe die Kommunikation dann meist über das Smartphone und Kanäle wie „WhatsApp“. Sicher sei es auch der Lauf der Zeit, dass der Zulauf auf die Einrichtung - besonders bei Jüngeren - abgenommen habe, so die Vorsitzende. „Doch es wäre schon schön, mehr Resonanz zu bekommen. Denn diese Hilfe und die damit verbundene Reflexion sowie die Suchtberatung sind sehr wichtig“, betont Köhler.

Sie weiß, dass sich die Art der Kommunikation durch und nach Corona geändert haben mag, eines aber nicht: „Egal in welchen Alter es passiert, die Problematik bleibt immer gleich: Sucht ist Sucht. Und bei der läuft es ab einem gewissen Stadium dann darauf hinaus, dass irgendwann alles in die Grütze geht.“ Und es spiele auch keine Rolle, ob es Spiel-, Alkohol- oder Drogensucht sei - ab einem gewissen Zeitpunkt gerate alles außer Kontrolle, und zwar das Leben der Betroffenen wie auch ihrer Angehörigen.

Die Soltauer Teestube ist übrigens nicht nur Anlaufstelle, wenn es um Sucht (Spiel- und Rauschmittel-Abhängigkeit) geht: Zwar drehen sich gut die Hälfte der Gruppen rund um das Thema, doch es gibt auch Selbsthilfegruppen für Asthma- und andere Lungenerkrankungen, für Menschen mit psychischen Erkrankungen sowie Ängsten und Zwängen, für Kehlkopflose und Kehlkopfoperierte sowie für Essgestörte und Angehörige. Unter den Angeboten sei laut Köhler auch ein „Dauerbrenner“, der immer gut gebucht werde: „Die Vorbereitung zur Medizinisch-Psychologischen Untersuchung (MPU) für jene, die ihren Führerschein irgendwann einmal zurückbekommen möchten.“ Hier bietet die Selbsthilfegruppe „G-A-S“ (Gewöhnung - Abhängigkeit - Straßenverkehr) entsprechende Unterstützung.

„Alle Gruppen sind offen für Ratsuchende“, lädt die Vorsitzende ein, „und zwar auch ohne Vorgespräch.“ Wer möchte, kann einfach vorbeikommen in der Teestube in der Poststraße (Zugang über den Eingang in der Friedenstraße 1). Telefonisch ist die Einrichtung unter (05191) 2222 erreichbar. Und wer sich erst im Internet schlaumachen möchte, findet unter www.teestube-soltau.de alle nötigen Informationen zu den einzelnen Angeboten und Gruppen sowie die Kontaktdaten der jeweiligen Ansprechpartner.

Apropos Kontakte: „Die können wir natürlich auch vermitteln, etwa zu weiterführenden Institutionen wie dem Sozialpsychiatrischen Dienst oder anderen Einrichtungen. Mit vielen arbeiten wir seit Jahren vertrauensvoll und gut zusammen“, so die Vorsitzende. Sie und ihre Mitstreiter hoffen, dass die Angebote der Teestube auch in Zukunft jene erreichen, die eine Stütze und Unterstützung suchen: „Unsere Türen stehen offen.“

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