Wenn es in den Ohren rauscht und pfeift

Bernd Möller aus Soltau gründet Tinnitus-Selbsthilfegruppe

Wenn es in den Ohren rauscht und pfeift

Es gibt Stressgeplagte, die legen sich eine Meeresrauschen-CD in die Anlage oder klicken auf eine entsprechende Audiodatei, um sich vom Plätschern der Wellen einlullen zu lassen und mit einem von der Sonne erwärmten Sandstrand vor dem geistigen Auge in die Welt der Träume zu entschwinden. Es gibt aber auch diejenigen, die ein Rauschen in den Ohren haben, das sie am Schlafen hindert. Bernd Möller aus Soltau zum Beispiel. Seit rund 22 Jahren leidet der 58-Jährige unter Ohrgeräuschen. Als er am vergangenen Mittwochabend im Gespräch beim Heide-Kurier von seiner Leidensgeschichte erzählt, hat er in der Nacht zuvor gerade mal zweieinhalb Stunden schlummern können. Möller hat Tinnitus. Er muss damit leben. „Mit meinem Tinnitus ist es so wie in der Nordsee bei hohem Wellengang - mal ist man oben auf der Welle, oft aber auch unten im Wellental“, sagt der gebürtige Hamburger. In schlechten Phasen sei es wichtig, jemanden zum Reden zu haben. Grundsätzlich sei der Austausch mit anderen Betroffen hilfreich. Deshalb gründet er jetzt in Soltau eine Selbsthilfegruppe.

Entsprechende Räume sind ihm in der Böhmestadt bereits in Aussicht gestellt worden. „Seit gestern ist das klar, es sind nur noch Kleinigkeiten zu klären“, freut sich der Böhmestädter. Ende dieses Monats soll es das erste Treffen geben. Zunächst aber möchte sich Möller einen Überblick verschaffen, wie groß das Interesse ist. Deshalb bittet er Interessierte darum, sich bei ihm per E-Mail unter der Adresse Tinnitushilfe-HK@outlook.de zu melden.

Die E-Mail-Adresse macht bereits deutlich, dass es in der Gruppe nicht nur für Soltauer „Hilfe zur Selbsthilfe“ geben soll, sondern für alle Betroffenen aus dem Heidekreis, egal welchen Alters. „Tinnitus zieht sich durch alle Altersschichten - von Jung bis Alt“, so Möller. Aber auch Angehörige von Betroffenen seien in der Selbsthilfegruppe willkommen. Oft wüßten Partnerinnen beziehungsweise Partner nicht, wie sie mit der Situation umgehen sollten, so Möller.

In der Tinnitus-Selbsthilfegruppe Heidekreis solle dabei geholfen werden geben, das Ohrgeräusch zu verstehen. Zudem will Möller Tipps geben, „wie mit dem Tinnitus besser umgegangen werden kann.“ Weil er sich seit längerem mit anderen, die dieses Leiden haben, darüber austauscht, weiß er nur zu gut, dass der Erfahrungsaustausch und das gegenseitige Verständnis „ein sehr wirksames Mittel im Umgang mit den Ohrgeräuschen sind.“

Da denkt der 58-jährige auch an seine eigene Geschichte: „Als ich nach zwei Hörstürzen meinen Tinnitus bekommen habe, stand ich alleine da. Ich hatte niemanden zum Reden - das war sehr schwierig.“

Möller hört auf beiden Ohren ein Rauschen und hat auf beiden auch eine Hörminderung. Früher arbeitete er in einer Tischlerei. „Da fing das damals an“, berichtet der Soltauer, der sich lachend als „Hamburger Jung“ bezeichnet und trotz gesundheitlicher Herausforderungen Optimismus und Zuversicht versprüht. „Tinnitus ist keine Krankheit, sondern ein Symptom. Tinnitus kann einen Betroffenen aber krank machen“, sagt er. Meist seien Ohrgeräusche harmlos. Wer ein ständiges Pfeifen, Klingeln, Rauschen, Summen oder Brummen höre, solle versuchen, diese Geräusche möglichst wenig zu beachten „und völlige Stille zu vermeiden.“

Laut einer von der gemeinnützigen Selbsthilfeorganisation Deutsche Tinnitus-Liga (DTL) in Auftrag gegebenen repräsentativen epidemiologischen Studie hatten 18,74 Millionen Bürgerinnen und Bürger hierzulande, 25,6 Prozent der Bevölkerung über zehn Jahre, bereits mindestens einmal Ohrgeräusche. Fast vier Prozent der Deutschen über zehn Jahre, 2,94 Millionen Menschen, hatte zum Zeitpunkt der Untersuchung Tinnitus. Jährlich kämen rund 270.000 Betroffene mit einem chronischen Tinnitus hinzu.

Die DTL, ein eingetragener Verein, weist ausdrücklich darauf hin, dass ein erstmalig auftretender akuter Tinnitus ebenso wie ein Hörsturz möglichst umgehend vom Hals-Nasen-Ohren-Arzt behandelt werden müsse. „Neben einer gründlichen medizinischen Abklärung ist die richtige Beratung durch den Arzt entscheidend für den Therapieverlauf. Dazu gehört die Information, dass Ohrgeräusche keine Krankheit und meist harmlos sind“, heißt es in einer aktuellen Information der Selbsthilfeorganisation. Die Spontanheilungsrate liege zwar bei circa 70 Prozent, „dennoch sollte bei erstmals auftretendem Tinnitus zügig ein HNO-Arzt aufgesucht werden.“ Bis zu einer Dauer des Ohrgeräuschs von etwa drei Monaten spreche man von einem akuten Tinnitus.

Es gibt Begleiterscheinungen, die auch Möller nicht fremd sind. „Betroffene leiden neben dem Tinnitus häufiger an Schlafstörungen, Schwindel, Verspannungen und Gereiztheit“, so der Soltauer. „Die Betroffenen können und müssen zur Besserung ihrer Lebensqualität selbst beitragen, indem sie sich umfassend informieren, fachliche Hilfe in Anspruch nehmen, gegebenenfalls Kontakte zu Gleichgesinnten in Selbsthilfegruppen aufnehmen. So tritt ein Lernprozess ein, an dessen Ende ein unbeschwertes Leben trotz Tinnitus steht“, empfiehlt die DTL - und fügt eine „gute Nachricht“ hinzu: „Tinnitus ist in den allermeisten Fällen harmlos.“

Die Ursachen sind laut Möller vielfältig. Stress sei ein wesentlicher Faktor, aber auch Verspannungen, Ohrerkrankungen, Hörstürze wie in seinem Fall oder Probleme mit der Halswirbelsäule oder dem Kiefergelenk könnten zu Ohrgeräuschen führen. „Das ist das Schwierige für die Betroffenen: Herauszufinden, was die Ursache ist“, so Möller. Auch über solche Themen werde es in der Selbsthilfegruppe gehen.

Der Soltauer hat einen guten Draht zur Deutschen Tinnitus-Liga. „Mit dieser bin ich schon seit längerem in Kontakt. Die machen sehr viel und unterstützen einen stark“, sagt Möller. Die DTL greife ihm auch bei der Gründung der Selbsthilfegruppe unter die Arme. Möller ist gespannt, wie groß die Resonanz sein wird. Neben der eigens eingerichteten E-Mail-Adresse möchte er auch eine Facebook-Gruppe ins Leben rufen und nach Möglichkeit auch die Krankenkassen ins Boot holen. „Vielleicht erhalten wir ja Unterstützung, um zum Beispiel Vorträge von fachkundigen Referenten organisieren zu können“, hofft der 58-Jährige.

Allgemeine Informationen rund um das Thema Tinnitus finden Interessierte im Internet unter der Adresse www.tinnitus-liga.de und ein Info-Telefon, über das Beispiele von Ohrgeräuschen zu hören sind, ist unter der Rufnummer (0202) 2465272 zu erreichen.

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