Wiedersehen macht Freude

Großes Hallo: Nach mehr als dreieinhalb Jahren auf der Walz kehrt der 37jährige Zimmermann und Bauschlosser Martin Areschin in seine Heimatstadt Soltau zurück.

Wiedersehen macht Freude

Rote Linien sollten bekanntlich nicht überschritten werden. Der weiße Kreidestrich aber, den jemand am vergangenen Samstagnachmittag am Soltauer Ortsschild in Richtung Harber auf den Radweg gemalt hat, befindet sich genau zu diesem Zweck auf dem Untergrund. Es wird sogar sehnlichst erwartet, daß der „Star des Tages“ diese „Grenze“ überschreitet. Nicht umsonst steht auch das Wort „Heimat“ auf dem Asphalt. Dahinter tummeln sich etliche Soltauer sowie von weither Angereiste. Sie warten auf Martin Areschin. Der 37jährige hat seine Heimatstadt seit mehr als dreieinhalb Jahren nicht betreten. Genau 1.356 Tage war er unterwegs, ist er doch nach seiner Ausbildung auf die Walz gegangen und quer durch Europa „getippelt“. Damit folgte der Zimmermann und Bauschlosser einem jahrhundertealten Ritual.

Freunde und Familie sowie Zimmermannskameraden in ihrer Kluft warten geduldig auf die Heimkehr, bestens vorbereitet. Heißer Kaffee, belegte Brote und natürlich auch das eine oder andere Kaltgetränk, gebraut nach dem deutschen Reinheitsgebot, stehen für den Böhmestädter und seine Begleiterinnen und Begleiter bereit.

Das Ganze zieht sich dann aber etwas hin, denn die letzten Meter nimmt die Gruppe Wandergesellen ganz bewußt entschleunigt in Angriff. Dieser Moment des Nachhausekommens ist etwas ganz Besonderes - und soll dementsprechend hinausgezögert werden. Auf einem Acker in Sichtweite bildet die Gruppe einen Kreis. Was dort gesprochen und zelebriert wird, ist auf die Entfernung nicht zu hören. Dann endlich ist es soweit: Areschin und die ihn auf dem Heimweg begleitenden Wandergesellinnen und -gesellen überqueren die Straße und nähern sich auf dem Radweg dem Ortsschild. Kurz vor dem entscheidenden Augenblick bilden die Handwerker in ihren Kluften ein Spalier und halten ihre Wanderstäbe, Stenz genannt, in die Höhe. Sichtlich bewegt überschreitet „Lütt Matten“, so sein Name auf Wanderschaft, den Kreidestrich. Zur Feier des Tages, auch das ist Tradition, ziert ein „Krönchen“ seinen schwarzen Hut, das sich den Platz auf der Krempe mit einer Sonnenbrille teilt.

Es folgt, wie nicht anders zu erwarten, ein großes Hallo. Als erste nimmt die 79jährige Ursula ihren Sohn ganz fest in die Arme. „Das ist einfach wunderbar“, freut sich die Soltauerin - und nicht wenige haben in diesem emotionalen Moment feuchte Augen. Einer nach dem anderen drückt „Lütt Matten“. Der ist angesichts des herzlichen Empfangs überwältigt und hat verständlicherweise keine Muße, eine große Rede zu schwingen: „Ich bin kein Mann großer Worte.“ Die große Kameradschaft innerhalb der Handwerkerschaft, auch zunftübergreifend, zeigt sich am Soltauer Ortsschild auf beeindruckende Weise. Wandergesellen aus Leipzig sind eigens angereist, eine Goldschmiedin ist da, ebenso eine Hutmacherin - alle tragen jeweils ihre traditionelle Kluft. Untereinander begrüßen sie sich mit „Tag, Kamerad“. Tradition ist es auch, daß derjenige, der auf die Walz geht, bei seiner Verabschiedung eine Flasche Hochprozentiges am Ortsschild „verbuddelt“. Diese wird bei der Ankunft nach der Tippeltour wieder aus dem Erdreich geborgen.

Wer auf Wanderschaft geht, lernt nicht nur andere Länder und Menschen kennen, sondern unternimmt quasi eine sehr lange Fortbildungsreise. Der Wandergeselle arbeitet bei vielen verschiedenen Betrieben, lernt andere Techniken und Arbeitsabläufe kennen - wertvolles Rüstzeug für das weitere Berufsleben. Im Laufe seiner Tour hat Martin Areschin unter anderem auch bei einer Familie in Soest in Nordrhein-Westfalen gearbeitet. Offensichtlich hat er dort einen guten Job gemacht, denn die gesamte Familie ist extra nach Soltau gefahren, um den Heimkehrer gemeinsam mit dem restlichen Empfangskommitee zu begrüßen.

Für Areschin war es in den vergangenen 1.356 Tagen nicht gerade einfach, Kontakt mit seiner Familie zu halten. Ein Mobiltelefon durfte er nicht mit sich führen, so will es das Regelwerk, zudem gab es rund um seinen Heimatort eine 50-Kilometer-Bannmeile, die er während seiner Wanderjahre nicht betreten durfte. „Bei unserem Familientreffen in Hildesheim war er aber dabei“, verrät Bruder Dieter Areschin am Rande des großen Wiedersehens. Und das wird, nachdem sich die Gruppe am späten Nachmittag vorübergehend aufgelöst hat, abends in Eimke zünftig gefeiert. So etwas darf dann wohl als „gelungenes Comeback“ bezeichnet werden. Kein Zweifel: Wiedersehen macht Freude.

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