„Win-Win-Win-Prinzip“: Soltauer Bäckerei bietet Lebensmittelrettung per App

Traditionsbetrieb „Das Schokoladenmädchen“ setzt Zeichen gegen Verschwendung und hilft denen, die kleinere Brötchen backen müssen

„Win-Win-Win-Prinzip“: Soltauer Bäckerei bietet Lebensmittelrettung per App

Früh morgens in traditioneller Handwerkskunst gebackene Brötchen, die nicht über den Tresen gegangen sind, abends einfach wegwerfen? Das kommt dem Team der Soltauer Bäckerei und Konditorei „Das Schokoladenmädchen“ nicht in die Tüte. Was in die Tüte kommt, sind nämlich Brötchen und Kuchen, um diese schmackhaften Erzeugnisse zu späterer Stunde zum reduzierten Preis an den Mann und die Frau zu bringen. Was das Thema Nachhaltigkeit angeht, so zeigt sich der Bäcker in der Lüneburger Straße von seiner Schokoladenseite. Moderne Technik macht’s möglich: Konditormeisterin Silke Scharpak-Schaaban, Chefin des Betriebes, setzt seit rund zwei Wochen auf die App „Too Good To Go“ - und hat damit sehr gute Erfahrungen gemacht. „Aus Überschuss wird Umsatz“ lautet das Motto der digitalen Anwendung, einer überregionalen Plattform gegen Lebensmittelverschwendung. Knapp 15.000 Betriebe machen mit, einige wenige davon aus dem Heidekreis.

„Muss nur noch kurz die Welt retten“, heißt es im Lied, mit dem der deutsche Sänger und Songwriter Tim Bendzko im Jahr 2011 die Charts stürmte. Es muss ja nicht gleich Mutter Erde als großes Ganzes sein, aber Lebensmittel vor dem Müll zu bewahren, das ist doch schon mal ein guter Anfang.

Apropos Anfang: „Im Dezember hatten wir eine Studentin hier, die ausgeholfen hat. Sie hat mich auf die App ‚Too Good To Go‘ hingewiesen und darüber informiert, berichtet Silke Scharpak-Schaaban. Sie machte sich dann im Internet schlau über die Lebensmittelrettung und war Feuer und Flamme. Die Inhaberin ließ das Ganze zunächst ein wenig sacken. Vor kurzem aber war es soweit: Sie registrierte ihren Betrieb über das Internet - und schon konnte es losgehen. Die Macher, die hinter der Anwendung stehen, sprechen auf ihrer Internetseite von einem „Win-Win-Win-Prinzip“, denn: „Die Nutzerinnen und Nutzer erhalten köstliches Essen zu einem super Preis, die Betriebe erreichen neue Kunden und können ihre Überschüsse zu Einnahmen machen. Und gleichzeitig wird die Umwelt geschont.“

„In unserem Geschäft ist jeder Tag anders“, berichtet Scharpak-Schaaban. Es lasse sich nie genau vorausplanen, wie viele Backwaren Tag für Tag Abnehmer fänden. Gerade in der Corona-Krise habe es Tage gegeben, an denen abends ganze Säcke voller Backwaren zusammengekommen seien.

Zwar beliefert das Team der Bäckerei und Konditorei schon seit einigen Jahren die Soltauer Tafel, doch die Einrichtung hat bekanntlich nur einmal wöchentlich geöffnet. „Reste“ werden auch schon mal für Tiere abgegeben. Letzteres ist jedoch gerade in dem Wissen, was die Männer im Betrieb alltäglich ab 1.30 Uhr nachts in der Backstube leisten, alles andere als zufriedenstellend. Hinzu kommt, dass viele Kundinnen und Kunden in Zeiten explodierender Preise kleinere Brötchen backen müssen. Gerade wer jeden Cent zweimal umdrehen muss, freut sich über die Möglichkeit, beim Kauf von Lebensmitteln den Geldbeutel schonen zu können.

Von der Entscheidung ihrer Chefin, das App-Angebot zu nutzen, ist auch Mitarbeiterin Stefanie Daum rundum begeistert. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Werbetrommel für diese gute Idee zu rühren - und hat das auch gut gebacken bekommen. Über die sozialen Netzwerke machte Daum auf das Projekt aufmerksam und wurde für ihr Engagement nicht nur mit jeder Menge „Likes“, sondern auch vielen neuen Gesichtern im Geschäft belohnt. Das kann ihre Chefin nur bestätigen: „Die Resonanz war bislang sehr gut“, freut sich Scharpak-Schaaban.

Und wie funktioniert das Ganze? Ganz einfach: Die Bäckerei stellt ihre überschüssigen Backwaren als Überraschungstüten zusammen und die Offerte in die App ein. Die Nutzerinnen und Nutzer finden das Angebot auf digitalem Wege über die Anwendung und bezahlen digital im Voraus. Mit ihrem Smartphone gehen sie dann zur vorgegebenen Zeit in das Geschäft, um die Tüte abzuholen. Das ist im Schokoladenmädchen jeweils im Zeitraum von 17.30 bis 18 Uhr möglich. Silke Scharpak-Schaaban kann selbst bestimmen, welche Menge an Backwaren sie über die App zur „Rettung“ freigibt. Auch darüber hinaus kann sie flexibel agieren: „Wenn zum Beispiel keine Brötchen mehr da sind, dann kann man auch mal ein Brot oder eine Brezel in die Tüte packen“, so die Konditormeisterin.

Bis zu zwölf Brötchen und sechs bis sieben Kuchenstücke landen in den Überraschungstüten. Ein Kuchenpaket, in dem sich Stücke im regulären Wert von zwölf Euro befinden, kostet über die App 4,50 Euro, eine Brötchentüte vier Euro. Ein kleiner Obolus je Tüte geht an „Too Good To Go“. Das ist für den Betrieb zwar nicht kostendeckend, „aber wir müssen nichts wegwerfen und haben zumindest noch ein bisschen was davon“, erklärt die Inhaberin. Um ein Dutzend Überraschungstüten gebe die sieben Tage die Woche geöffnete Bäckerei täglich an App-Nutzerinnen und -Nutzer aus. „Viele stehen bereits um 17.15 Uhr im Laden“, berichtet die Chefin. Dabei sei die Kundschaft „bunt gemischt“: „Der erste Kunde stammte aus Hamburg. Viele Urlauber haben die App. Das finde ich gut“, betont Scharpak-Schaaban. „Von jung bis alt ist alles dabei. Und es kommen Soltauer, die wir hier vorher noch nie gesehen haben“, fügt Daum hinzu.

Die Bäckerei und Konditoreirei kann auf eine lange Tradition zurückblicken. Seit mehr als 70 Jahren wird sie in Soltau als Familienunternehmen geführt. Gegründet wurde der Betrieb von Familie Blumberg in den 1940er Jahren. Seit Februar 1992 ist er im Besitz und unter Leitung der Familie Scharpak. Silke Scharpak-Schaaban hat den Betrieb samt Café Anfang 2007 von ihren Eltern übernommen und führt ihn seither mit viel Liebe und Leidenschaft weiter. Ein Steckenpferd der Konditormeisterin sind Kuchen und Torten für jeden Anlass. „Inzwischen sind wir hier in Soltau die einzige private Bäckerei“, so die Inhaberin.

Es gibt sicherlich leichtere Möglichkeiten, seine Brötchen zu verdienen, als siebenmal pro Wache frisch zu backen und die Lebensmittel werktags von 5.30 Uhr bis abends zu verkaufen. Dennoch sind Silke Scharpak-Schaaban und Stefanie Daum mit Herz und Seele dabei, wie beim Pressetermin deutlich zu spüren. Die Corona-Krise, steigende Preise und der Fachkräftemangel seien allerdings große Herausforderungen, denen sich der Traditionsbetrieb zu stellen habe. Auch in dieser Hinsicht lohne es sich, mit der Lebensmittelrettung neue Wege zu beschreiten.

Scharpak-Schaaban hofft, dass sich weitere Betriebe im Heidekreis finden, die, wie zum Beispiel auch die Fleischerei Hestermann in Wietzendorf, mitmachen. Für sie hat die Beteiligung an „To Good To Go“ auch noch einen positiven Nebeneffekt: „Wenn wir abends Kuchenpakete herausgeben, dann sieht man, dass wir täglich frischen Kuchen machen. Das ist mir auch ganz wichtig.“

Logo