Zum Wegwerfen zu schade

Verein Buchdruck-Museum gibt Ladeneinrichtung an Interessierte ab

Zum Wegwerfen zu schade

„Die Regale sind einfach noch viel zu gut, um sie wegzuwerfen“, meint Renate Ger­stel vom Verein „Erlebniswerkstatt Buchdruck-Museum Soltau“. Und Vorsitzender Reinhard Riedel stimmt ihr zu. Es geht dabei um die noch verbliebenen Teile der Ladeneinrichtung von „Tabakwaren und Spirituosen Schlüter“ in der Kirchstraße 2 in Soltau. Die möchte der Verein jetzt an Interessierte abgeben, weil die Räume bald umgebaut werden sollen.

Manchmal bleibt die Zeit einfach stehen - wie im ehemaligen Geschäft „Tabakwaren und Spirituosen Schlüter“. Schon zum 1. Juli 2007 hatte der beliebte Treffpunkt für Tabakfreunde und Liebhaber edler Tropfen für immer geschlossen (HK berichtete damals). Und seitdem war im Innern alles beim alten gebieben: Ein Schritt durch die Ladentür war wie ein Zeitsprung in die 50er und 70er Jahre, aus denen die Einrichtung stammte.

Und die könnte einiges erzählen. Doch das hatten damals Reinhard Schlüter und seine inzwischen verstorbene Frau Hannelore dem HK gegenüber lieber selbst übernommen. Bevor der Geschäftsinhaber 2007 zum letzten Mal für seine Kunden öffnete, hatte sich das Paar an schwierige, vor allem aber an gute gemeinsame Zeiten hinter dem Ladentisch erinnert.

Am 1. April 1959 eröffnete Karl Schlüter sein Geschäft in der Poststraße 13, etwa dort, wo sich heute der Parkplatz neben dem Soltauer Museum befinden. „Unsere Familie ist 1955 nach Soltau gekommen. Hier war mein Vater Direktor der Zigarrenfabrik Gildemann, die sich in der Celler Straße 97 bis 99 befand, aber 1958 geschlossen wurde. Daraufhin eröffnete er sein Geschäft“, erinnerte sich Reinhard Schlüter, der damals in Hamburg eine Lehre zum Industriekaufmann machte. Als sein Vater 1963 starb, „wollte ich meine Mutter nicht allein mit dem Laden hängenlassen und stieg in das Geschäft mit ein.“ Vier Jahre später heirateten Reinhard und Hannelore Schlüter, wodurch nicht nur die Familie, sondern auch das „Verkaufsteam“ verstärkt wurde.

Als das Haus Poststraße 13, das nur sehr dürftige Bedingungen bot, der Verkehrsführung weichen musste, zogen die Schlüters 1978 mit ihrem Geschäft nach schräg gegenüber in das Haus Kirchstraße 2. Dorthin nahmen sie einen Teil ihrer bisherigen Einrichtung mit und ergänzten sie durch neue Segmente.

Als der Laden 2007 nach mehr als 48 Jahren seine Pforten schloss, verloren die Kunden damit nicht nur „ihr“ Geschäft, sondern auch ein „Kommunikationszentrum“, denn bei Schlüters war immer Zeit für einen Plausch. Und Anekdoten wussten die beiden auch reichlich zu erzählen - etwa vom Schauspielerehepaar Nadja Tiller und Walter Giller. Oder von weiteren illustren Besuchern, die die Theatergastspiele des Kulturvereins nach Soltau und in den Laden brachten - von Thomas Fritsch über Erik Ode, Johanna von Koczian und Simone Rethel bis zu Karl-Michael Vogler.

Reinhard Schlüter hat diese Geschichten noch alle im Kopf, und das Interieur des Ladens hat diese Erinnerungen quasi konserviert. Doch der heute 78jährige ist da wenig sentimental. Bevor die letzten Einrichtungsgegenstände abgegeben werden, war er jetzt noch einmal in seinem ehemaligen Geschäft - zum ersten Mal seit 2007: „Das war eine schöne Zeit damals, aber die ist vorbei. Ich habe soviel Abstand gewonnen, dass ich da keine Träne mehr vergieße“, meint er und ist gespannt auf die neue Nutzung.

Und die steht fest: Die Räume - seit 13 Jahren im Dornröschenschlaf - sollen demnächst als Domizil für das Aktiv-Museum „Die Bleilaus - Schrift- und Druckwelt Soltau“ umgebaut werden. Seit seiner Gründung 2015 verfolgt der Verein „Erlebniswerkstatt Buchdruck-Museum Soltau“ dieses Ziel, seit Mai 2016 mit Riedel als Vorsitzendem. Das Museum soll, kurz gesagt, einen Einblick in die Kunst des Setzens und Druckens vermitteln und seine Besucher mit vielen Mitmachangeboten begeistern. Wie Gerstel erläutert, „ist die Finanzierung des Museumsprojektes gesichert - und der Antrag für den Umbau liegt derzeit beim Landkreis.“ Damit es nach der Genehmigung losgehen kann, muss der Laden jetzt leergeräumt werden.

„Wir haben schon vor Beginn der Corona-Krise damit begonnen“, berichtet Riedel. Und Gerstel: „Wir haben die Einrichtungsstücke erfolgreich auf Ebay angeboten.“ Eine Theke aus den 50ern etwa lockte einen Interessenten vom Bodensee in den Norden. Dem war das Stück immerhin eine Spende von 500 Euro an den Verein wert. Und ein junger Mann aus Bremen, der Regale für seinen neuen Bioladen suchte, wurde ebenfalls fündig. Auch er spendete 200 Euro an den Verein. Noch zu haben sind jetzt vielseitig nutzbare Wand- und Standregale, ein Tresen, drei Spaltvorthänge (zwei 3,10 Meter breit, 2,6 Meter hoch, einer 1,4 Meter breit, 2,20 Meter hoch) sowie zwei Geschenkpapierabroller (Wandmontage). „Wir geben diese Dinge kostenlos ab, würden uns aber auch über eine Spende freuen“, so Riedel. Interessierte können sich ab sofort unter Tel.: (05191) 5285 oder per E-Mail info@buchdruckmuseum-soltau.de an Reinhard Riedel wenden.

Für Schlüter hatten Riedel und Gerstel quasi zum Abschied vom Laden noch eine Überraschung: Ein kleines Aquarell des Soltauer Malers Joachim Grauenhorst, das den ursprünglichen Laden, Poststraße 13, zeigt. Die beiden hatten es beim Aufräumen im Geschäft gefunden und neu gerahmt. Und auch einen Teil des Umsatzes, der offenbar unter den Tresen gerollt war, bekam der 78jährige in netter Verpackung überreicht: 71 Pfennig.

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