Zunehmende Gewalt gegen Polizisten

Polizeiinspektion Heidekreis stellt Kriminalstatistik 2020 vor

Zunehmende Gewalt gegen Polizisten

„Einfluss auf die Zahlen hatte die Corona-Zeit zweifellos, aber keinen exorbitanten“, resümiert Polizeidirektor Stefan Sengel, Chef der Polizeiinspektion (PI) Heidekreis, und meint damit die Kriminalstatistik 2020 im Heidekreis. Gemeinsam mit Erstem Kriminalhauptkommissar Dirk Ebel, Leiter des Zentralen Kriminaldienstes, und Kriminalhauptkommissar Rüdiger Strahl stellte Sengel jetzt das Zahlenwerk vor und konnte eine Aufklärungsquote von 66,86 vermelden. Damit liegt die PI noch knapp über dem Wert der Polizeidirektion Lüneburg (66,82 Prozent) und deutlicher über dem Landesdurchschnitt von 64,28 Prozent.

Die Zahl der Straftaten insgesamt ist von 10.189 im Jahr 2019 auf 10.550 im Jahr 2020 gestiegen. Das ist ein Zuwachs von 361 Taten oder 3,54 Prozent. Schon seit 2016 nehmen dagegen die Diebstahlsdelikte ab und sind von 2.727 um 182 Taten (6,67 Prozent) auf 2.545 gesunken. Allerdings lohne sich hier, so Ebel, der Blick in die verschiedenen „Sparten“: So sank die Zahl der Wohnungseinbrüche von 248 auf 166 um 33,06 Prozent, wobei insbesondere auch der Anteil der Einbrüche am Tage stark schrumpfte. Die Aufklärungsquote lag bei 40,36 Prozent: „Das ist eine Spitzenquote“, so Ebel

Schon in den Jahren zuvor konnte die PI erfolgreich gegen Einbrüche vorgehen: „Dass die Zahlen jetzt so deutlich ’runtergegangen sind, hängt aber auch mit der Pandemie zusammen - die Leute sind einfach häufiger zu Hause. Und die Anreise von Einbrechern etwa aus dem Ausland ist durch Corona schwieriger geworden.“ Die Erfolge der vergangenen Jahre seien aber vor allem auch einer aufmerksamen Nachbarschaft zu verdanken. Entsprechend appellierte Ebel an die Bürgerinnen und Bürger, die Polizei zu benachrichtigen, sollte in der Nachbarschaft etwas Verdächtiges vor sich gehen.

Gesunken ist die Zahl der Fahrraddiebstähle, und zwar von 347 um 73 Taten oder 21,04 Prozent auf 274. Zugenommen hat demgegenüber die Zahl der Ladendiebstähle: Sie stieg um 97 Taten oder 22 Prozent von 441 auf 538 bei einer Aufklärungsquote von 86,8 Prozent, aber auch bei einer hohen Dunkelziffer.

Dass, wie es Sengel ausdrückte, „Drogen in der Region omnipräsent sind“, macht die Statistik ebenfalls unmissverständlich deutlich. Die Zahl der sogenannten Betäubungsmitteldelikte stieg von 773 auf 894, die der Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz insgesamt von 850 auf 950. Vor allem beim Besitz von Drogen erhöhte sich die Fallzahl deutlich von 614 auf 750. Bevorzugt seien hier Kokain und Marihuana, so Ebel. Auch wenn durch Corona klassische Verkaufswege wie große Partys oder Veranstaltungen weggefallen seien, laufe der Umsatz weiter: „Denn die Drogen werden immer einfallsreicher vertrieben. Es ist bequem, im Darknet Drogen zu bestellen und sie sich per Post liefern zu lassen.“ Wie Sengel betonte, sei dieses auch Thema für das Räderwerk und die Verkehrssicherheit.

Etwa gleich geblieben ist der Warenkreditbetrug, der 2019 mit 497 und 2020 mit 503 Fällen zu Buche geschlagen hat. Einen enormen Anstieg von 113,37 Prozent gab es dagegen beim Warenbetrug: Hier stieg die Zahl von 172 um 195 auf 367.

Eine besonders perfide und rücksichtslose Art des Betruges ist der sogenannte Call-Center-Betrug (CCB). Darunter fallen all jene Delikte, für die sich die Täter in allererster Linie Seniorinnen und Senioren aussuchen - sei es der Enkeltrick oder der falsche Polizist, das erlogene Gewinnversprechen oder der Schockanruf, etwa dass ein Verwandter verunglückt und nun ganz dringend viel Geld nötig sei - für medizinische Behandlung oder Fahrzeugreparatur.

Der Einfallsreichtum der Täter, deren Call-Center häufig in der Türkei, aber auch in Polen und weiteren Ländern sitzen, ist groß, entsprechend ist die Zahl der Taten in den vergangenen Jahren angestiegen: 2018 waren es 224, 2019 dann 570 und 2020 schließlich 512. „Die höchste Summe Bargeld, die hier bei uns im Heidekreis ergaunert worden ist, lag bei 54.900 Euro“, wusste Strahl zu berichten. Angesichts der hohen Deliktzahl seien die Täter „nur“ in 13 Fällen erfolgreich gewesen: „Entstanden ist dabei ein Gesamtschaden von 143.000 Euro.“

Schon seit geraumer Zeit klärt die Polizei auf und warnt vor Betrug am Telefon: „Aber auf die Opfer wird teilweise über Wochen ein enorm hoher Druck aufgebaut, dass sie nicht mehr normal reagieren können. Die Dunkelziffer bei diesen Delikten dürfte relativ hoch sein, weil sich die Menschen schämen, hereingelegt worden zu sein, und deshalb nicht zur Polizei gehen.“

Zugenommen hat die Gewalt gegen Polizeibeamte, und zwar nicht der passive Widerstand etwa bei einer Festnahme, sondern tatsächliche Angriffe. Geschahen die früher zum weitaus größten Teil unter Alkoholeinfluss, so waren es 2020 45 Taten mit und inzwischen 34 Taten ohne Alkohol. Von den 67 Beschuldigten waren 55 Männer und zwölf Frauen. Eine Tendenz die nicht nur im Heidekreis, sondern generell zu beobachten ist und die Sengel ganz und gar nicht gefällt: Hier schienen Respekt zu schwinden und „Hemmschwellen zu bröckeln.“

Bei den Sexualdelikten ging die Zahl der Vergewaltigungen um drei auf 15 zurück. Überfälle von Einzeltätern oder gruppen habe es nicht gegeben, so der PI-Chef. Sexuelle übergriffe/Nötigungen umfassten neun Taten, die Verbreitung pornografischer Erzeugnisse 62 Taten.Sexualdelikte zum Nachteil von Kindern gab es 32mal. Deutlich zugenommen hat im Jahr 2020 die häusliche Gewalt: 2019 waren es 398, 2020 jedoch 496 Fälle. Bei den Taten ohne Alkoholeinfluss war die Steigerung besonders deutlich: von 285 auf 388 Fälle. Hier, so Strahl, gehe es auch um Bedrohung, Beleidigung oder Stalking. 54,44 Prozent oder 276 Fälle davon waren in Partnerschaften anzusiedeln. Auch hier dürfte Corona eine Rolle gespielt haben.

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