Beratungsunternehmen empfehlen Bad Fallingbostel als Standort für HKK-Neubau

Dr. Achim Rogge, Geschäftsführer des Heidekreis-Klinikums: „Wir hoffen auf eine sachliche Diskussion“

Beratungsunternehmen empfehlen Bad Fallingbostel als Standort für HKK-Neubau

Den Regelbetrieb des Soltauer Heidekreis-Klinikums (HKK) hatte die Corona-Pandemie zwar für mehrere Wochen nahezu stillgelegt, planbare Operationen mußten auf Beschluß der Landesregierung verschoben werden. Keinen Stillstand hingegen gab es, was die Planungen für ein neues Gesamtklinikum angeht. Es steht eine Entscheidung an, um die die Kreispolitik nicht zu beneiden ist. Wo im Landkreis soll der geplante Neubau für ein Gesamtklinikum entstehen? Nachdem am Dienstag der „Beirat Neubau“, der sich unter anderem aus Vertretern der Kommunen, der Kreistagsfraktionen und der HKK-Chefärzte zusammensetzt, getagt hatte, gab es am folgenden Tag im Gesundheitszentrum Walsrode einen Pressetermin zum aktuellen Sachstand. Das, was dort zu hören war, dürfte im Nordkreis keine Hurra-Rufe auslösen, denn: Nach umfassenden Datenanalysen und Standortuntersuchungen geben die ins Boot geholten Beratungsunternehmen die Empfehlung ab, den HKK-Neubau auf der sogenannten Fläche „F4“ zu errichten, ein 34 Hektar großes Areal, das sich südwestlich von Bad Fallingbostel zwischen der Walsroder Straße und der Bundesstraße 209 befindet. Damit wäre dann auch der von Soltau im Bereich Tetendorfer Straße vorgeschlagene Standort vom Tisch. Dort hat sich die Stadt Soltau ein 13 Hektar großes Areal für diesen Zweck gesichert.

Im Rahmen der Suche nach einem geeigneten Standort für ein Gesamtklinikum im Heidekreis hatten sich sieben Gebietskulissen herauskristallisiert, die groß genug und gut gelegen sind für ein Krankenhaus mit 376 Betten - einschließlich 31 tagesklinischer Betten - und von einem Großteil der Bewohner im Landkreis gut zu erreichen sind (HK berichtete). Diese wurden in einem zweiten Schritt über das vorgesehene Raumordnungsverfahren hinsichtlich der städtebaulichen, infrastrukturellen und umweltbezogenen Verträglichkeit vorbetrachtet. Zudem wurden die Eigentümer vom beauftragten Landschaftsarchitekturbüro Georg von Luckwald hinsichtlich ihrer Verkaufsabsichten befragt. Weil an drei potentiellen Standorten die Besitzer der Flächen einen Verkauf kategorisch ausgeschlossen haben, blieben vier Grundstückoptionen übrig, je eines bei Soltau, Dorfmark, Bad Fallingbostel und Walsrode. Diese vier Standorte wurden aufwändigen Analyseverfahren unterzogen, für die unter anderem das unabhängige Unternehmen „Trinovis“ mit Sitz in Hannover verantwortlich zeichnete. Dieses beleuchtete mit Hilfe eines umfangreichen Daten-Pools, an welchem Standort die meisten Menschen in kurzer Zeit das neue Gesamtklinikum erreichen können. Dabei flossen auch Analysen zur Einwohnerentwicklung, zu erwartenden Erkrankungsquoten und Konkurrenzbetrachtungen mit ein. Dazu Projektleiterin Amelie Zoch von „Trinovis“: „Im Ergebnis zeigt der Standort bei Bad Fallingbostel die besten Werte, er ist am schnellsten erreichbar und hat das höchste Fallpotenzial.“ Das Areal bei Bad Fallingbostel befinde sich in Autobahnnähe und sei zudem über zwei Zufahrten zu erreichen - eine Bundes- und eine Kreisstraße.

Laut Analyse könnten bis zu 185.000 Einwohner aus dem Heidekreis und den umliegenden Kreisen den Standort innerhalb der vorgegebenen Richtzeit für die Grund- und Regelversorgung, also maximal 30 Minuten, erreichen. Der Versorgungsbedarf an möglichen stationären Krankenhausfällen innerhalb des 30-Minuten-Einzugsgebietes sei für diesen Standort mit etwa 45.000 Fällen ebenfalls am höchsten. Für den Standort südlich von Soltau hätten die Analysen ergeben, dass zirka 99.00 Einwohner innerhalb der Richtzeit das Gesamtklinikum erreichen könnten und das Fallpotenzial bei etwa 24.000 liege.

Klar ist aber auch, dass unter anderem viele Schneverdinger, Neuenkirchener und Munsteraner das Gesamtklinikum bei Bad Fallingbostel nicht innerhalb von 30 Fahrminuten erreichen werden. „Es profitieren nicht alle Regionen davon, gar keine Frage“, räumte HKK-Geschäftführer Dr. Achim Rogge ein. Als nicht aus dem Heidekreis Stammender könne er die „alten Wunden im Landkreis, die im Nord-Süd-Konflikt durch einige Entscheidungen in den vergangenen zehn Jahren aufgebrochen sind“, nicht nachvollziehen. Die Chance, ein modernes, attraktives und zukunftsfähiges Krankenhaus bauen zu können, sollte nicht durch ein „mein Nordkreis, dein Südkreis“ vertan werden. Wenn ein Krankenhaus durch Attraktivität und gute medizinische Versorgung überzeuge, dann nähmen Patienten auch längere Anfahrtszeiten in Kauf. Zudem sei der Standort bei Bad Fallingbostel lediglich acht Kilometer von der errechneten Mitte das Landkreises in Dorfmark entfernt.

„Man muß die Geschichte kennen, um Zukunft zu gestalten“, unterstrich Rogge. Die Gesundheitsversorgung im Landkreis stehe heute vor anderen Herausforderungen als noch vor einigen Jahren. Bei den Fallzahlen habe es seit 2014 mit 19.086 Fällen einen Rückgang auf 17.260 Fälle gegeben, erst im vergangenen Jahr sei wieder eine Steigerung zu verzeichnen gewesen. „Die Patienten stimmen mit den Füßen ab“, unterstrich Rogge. Das HKK erwirtschafte in seiner jetzigen Form mit zwei Standorten große Defizite, die der Landkreis als Gesellschafter bislang noch zu tragen bereit sei. Von 2014 bis 2018 habe der Landkreis insgesamt knapp 43 Millionen Euro zuschießen müssen. Im vergangenen Jahr sei es immerhin gelungen, das jährliche Defizit um drei Millionen Euro auf rund 9,9 Millionen Euro zu senken. „Auch in den kommenden Jahren können über das umfassende Sanierungskonzept weitere Defizitsenkungen eintreten, ein Rückgang auf eine schwarze Null ist jedoch nicht erreichbar“, machte der Geschäftsführer deutlich. Darüber hinaus gebe es an beiden Standorten hohen Investitionsbedarf, zumal die Patientenzimmer nicht heutigen Ansprüchen an Komfort und Hygienestandards entsprächen, es mangelhafte Isolierungsbereiche gebe und bauliche Infektionsverhinderungen fehlten. Die Sanitäranlagen für die Patienten befänden sich teilweise auf dem Flur, die Aufzuganlagen seien veraltet und das Personal müsse aufgrund der alten Baustruktur weite Wege auf sich nehmen. Aufgrund der Standortteilung gebe es eine hohe Personaldichte und es müßten Doppelstrukturen vorgehalten werden.

Um die Gesundheitsversorgung im Landkreis langfristig zu sichern, müsse ein umfassendes Gesamtkonzept umgesetzt werden. „Mit einer stationären Versorgung in einem modernen Gesamtklinikum an einem für die Mehrheit der Heidekreisbewohner gut erreichbaren Ort, mit ausgebauten ambulanten Angeboten in den Medizinischen Versorgungszentren in den Mittelzentren Soltau und Walsrode, in denen Internisten, Gynäkologen und Kinderärzte ein breites Spektrum für Familien anbieten und mit neuen Angeboten zur stationären Dauer- und Kurzzeitpflege in den Altstandorten sehen wir den Landkreis zukunftssicher aufgestellt“, unterstrich Rogge: „Denn eines haben die Analysen auch gezeigt, beide Altstandorte können für den schnell wachsenden Bedarf in der Altenpflege gut genutzt werden. An beiden Standorten wird der Landkreis weiterhin Gesundheitsleistungen anbieten und auch Arbeitsplätze binden sowie neue schaffen.“

Angesichts der demographischen Entwicklung werde die Nachfrage nach Plätzen in der Dauer- und Kurzzeitpflege steigen. „Wir haben heute schon große Versorgungsschwierigkeiten. Patienten können nicht aus der Geriatrie entlassen werden, wenn wir keine Heimplätze finden“, so Rogge. Da sei es doch naheliegend, die Altstandorte zu Pflegeinrichtungen auszubauen. Der Geschäftsführer legt zudem Wert auf die Feststellung, dass die Rettungswachen „dort bleiben, wo sie sind.“ Eine dezentrale Organisation sei gesetzlich vorgeschrieben, so Rogge, „wir haben keinen Einfluss auf den Standort.“

Im Rahmen der Neubauplanungen arbeitet das Heidekreis-Klinikum auch mit dem auf Krankenhausbauten spezialisierten Beratungsunternehmen „Archimeda GmbH“ zusammen. Im Zuge dieser Zusammenarbeit gab es in den vergangenen beiden Jahren zahlreiche Workshops mit Vertretern der Fachabteilungen des Klinikums, in denen es um Nutzeranforderungen und das Betriebsorganisationskonzept ging. Auf diese Weise können sich die Vertreter der Fachabteilungen des HKK in die Planung einbringen, so dass gemeinsam erarbeitet wird, was letztlich wo im Neubau angeordnet werden soll. Auf diese Weise können Abläufe optimiert werden. „Wenn der Nutzer bessere Arbeitsbedingungen hat, profitieren auch die Patienten. Denn wenn die Wege kürzer sind, hat das Personal mehr Zeit für sie“, betonte Bauingenieur Dietmar Schulz, einer der beiden „Archimeda“-Geschäftsführer.

„Wir können uns vorstellen, Deutschlands erstes Krankenhaus mit ausschließlich Einbettzimmern zu werden. Untersuchungsabläufe, Privatsphäre und Datenschutz lassen sich dadurch deutlich besser als bisher gestalten. Durch Einbettzimmer wäre zudem die Infektionsübertragung deutlich erschwert“, betonte Rogge. Gerade in der Coronakrise habe sich gezeigt, dass es hier an beiden Altstandorten Defizite gebe. „Wir wollen aus eins und eins drei machen - aus Soltau und Walsrode einen Standort, der dreimal so gut ist“, konstatierte Professor Dr. Frank Schmitz, Ärztlicher Leiter des HKK: „Medizinisch gesehen habe ich nicht die geringsten Zweifel, dass ein wesentlich leistungsfähigeres Krankenhaus entstehen wird.“

Aufsichtsratsvorsitzender Hermann Norden betonte, dass es Aufgabe der Politik sei, der Bevölkerung „eine medizinische Versorgung zu bieten, die zukunftsfähig ist.“ Der Neubau biete die einmalige Chance, „etwas zu schaffen, das uns in großen Schritten voranbringt.“ Landrat Manfred Ostermann hob hervor, dass es sich der Landkreis nicht noch weitere zehn, 15 Jahre leisten könne, jährlich um die zehn Millionen Euro zuzuschießen. Der Kreistag werde irgendwann nicht mehr darum herumkommen, einen der beiden Standorte schließen zu müssen. „Das ist vielleicht auf Jahre die einzige Chance, die wir auf ein neues Krankenhaus haben. Diese einmalige Gelegenheit bekommt der Landkreis so schnell nicht wieder. Wenn wir jetzt an der Standortfrage scheitern, dann haben wir das verspielt.“ Stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender Sebastian Zinke sprach ebenso von einer „Riesenchance“, weiß aber auch: „Das ist eine der schwierigsten Entscheidungen in den letzten Jahrzehnten, die der Kreistag zu treffen hat.“

„Wir haben alles sorgfältig abwägen lassen, zusätzliche Untersuchungen wurden angestellt. Es ist alles auf dem Tisch und entscheidungsreif“, meinte Aufsichtsratsmitglied Hans-Peter Ludewig von den Grünen.

Weil der Neubau mit Bundes- und Landesmitteln aus dem Strukturfonds II realisiert werden soll, rund 130 Millionen Euro stehen im Raum, ist nun Eile geboten. Inzwischen gibt es weitere Mitbewerber, die um Gelder aus diesem Fördertopf buhlen. Nichtsdestotrotz gehen die Verantwortlichen vom HKK, der Kreisverwaltung und der Kreispolitik davon aus, dass die Mittel aus dem Strukturfonds in den Heidekreis fließen werden. „Wir haben einen engen Zeitplan“, betonte „Archimeda“-Geschäftsführer Schulz. Die reinen Nettobaukosten beliefen sich nach den Berechnungen auf rund 163 Millionen Euro, in denen Grundstückserwerb und Erschließungskosten nicht enthalten seien. Diese Kosten müsse der Landkreis tragen. Das Grundstück „F4“ sei allerdings fast vollständig erschlossen „und wir könnten relativ schnell auf das Grundstück.“

Und wie geht es nun weiter? Zunächst werden weitere Gremien über den aktuellen Sachstand informiert, unter anderem die Kreistagsfraktionen. Am 18. Juni wird das Ganze in der Sitzung des Ausschusses für Bau, Natur, Umwelt und Landwirtschaft beraten und am 26. Juni steht das Thema dann im Kreistag auf der Tagesordnung. Nach der Standortentscheidung muß das Grundstück „dinglich gesichert“ werden. Der eigentliche Kauf erfolgt dann erst mit dem positiven Fördermittelbescheid. Ist das Areal „reserviert“, beginnt ein Architekturwettbewerb. Weil Fördermittel nur für ein konkretes Projekt mit einer konkreten Planung beim Land Niedersachsen beantragt werden können, muss als nächster Schritt bis Ende des dritten Quartals 2021 die sogenannte „Haushaltsunterlage Bau“, die eine detaillierte Darstellung über das gesamte Bau-Projekt beinhaltet, eingereicht werden.

Für Mitte 2023 ist der Baubeginn geplant. Mitte 2026 soll die neue Klinik dann fertig sein und in Betrieb genommen werden. Weil in Corona-zeiten keine öffentlichen Großveranstaltungen möglich sind, will das HKK die Öffentlichkeit über das Internet informieren, auch mit Hilfe eines kurzen Films. „Wir wollen Transparenz bieten. Wir haben nichts zu verstecken und keinerlei Individualpräferenzen“, unterstrich Rogge: „Wir wollen aufbrechen in eine neue, gemeinsame Zukunft und hoffen auf eine sachliche Diskussion.“ Und Ostermann: „Es gibt nicht den idealen, goldenen Standort, den alle toll finden. Den haben wir nicht gefunden.“ Daher sei es „der sauberste Weg“ nach „sachlichen Kriterien“ zu entscheiden. Ein Krankenhaus sollte dort errichtet werden, „wo die Wahrscheinlichkeit am größten ist, dass es sich langfristig trägt. Noch ist nichts entschieden.“

Logo