„Wir denken nicht nur Krankenhaus“

Spitze von Heidekreis-Kinikum und Aufsichtsrat halten Vor- und Rückschau

„Wir denken nicht nur Krankenhaus“

Schon sehr lange hat das Heidekreis-Klinikum (HKK) kein so erfolgreiches Geschäftsjahr gesehen wie 2019. Wirtschaftlicher Erfolg bemisst sich hier allerdings nicht in satten Gewinnen, sondern in einer deutlich spürbaren Reduzierung des jährlichen Defizits um rund drei Millionen Euro, das das HKK mit seit Jahren steigender Tendenz eingefahren hat und das vom Landkreis stets ausgeglichen worden ist. So konnte HKK-Geschäftsführer Dr. Achim Rogge gemeinsam mit Aufsichtsratsvorsitzendem Hermann Norden und Claudia Walter, kaufmännische Leiterin, diesmal ein positives Ergebnis vermelden, als er am vergangenen Freitag in Walsrode Rückschau auf sein erstes Jahr als HKK-Geschäftsführer hielt.

Im Januar 2019 hat Rogge das Steuer übernommen und das HKK offenbar erfolgreich durch das Jahr gesteuert, was sich an den Zahlen ablesen lässt. Die stehen zwar noch nicht ganz endgültig fest, sind aber dennoch eindeutig: „2018 gab es im Heidekreis 34.000 stationäre Klinikfälle, von denen aber nur 17.000 ins Heidekreis-Klinikum kamen. Daraus lässt sich ein Vertrauensverlust ablesen - und den auszugleichen ist unser Ziel. 2018 hatte das HKK ein Jahresdefizit von 13 Millionen - 2019 liegen wir unter zehn, werden also vermutlich um drei Millionen Euro besser sein“, erläutert Rogge. Diese Entwicklung findet ihre Parallele in den Fallzahlen, „die 2019 um vier Prozent gestiegen sind“, so Walter. Zudem seien die Personalkosten im wesentlichen unverändert geblieben: „Das ist ein wirklich großes Ergebnis, an dem alle mitgearbeitet haben.“

Wie Rogge betont, habe seit seiner Übernahme der Geschäftsführung der angestrebte HKK-Neubau im Fokus gestanden. Gleichzeitig sei auch ein Entwicklungs- und Sanierungskonzept mit Aufsichtsrat und Betriebsrat beschlossen worden. Dabei ging es auch um die Umsetzung neuer Richtlinien des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA). Zu den Maßnahmen zählten die Sicherstellung der Not- und Unfallversorgung im gesamten Heidekreis, die Mindestbesetzung der Pflege, Zertifizierungen als Qualitätsoffensive und die Vernetzung mit niedergelassenen Ärzten, aber auch die Wiedereinrichtung der Unfallchirurgie in Soltau. Für letztere Maßnahme hat der Aufsichtsrat seine frühere Entscheidung, wonach die komplette Chiurgie im Februar 2017 in Walsrode konzentriert worden war, revidiert. Dazu Norden: „Damals wäre dies Voraussetzung für 40 Millionen Fördermittel vom Land Niedersachsen gewesen. Das ist obsolet. Inzwischen gibt es andere gesetzliche Voraussetzungen.“ Und nach denen gehört Soltau jetzt zu den 127 Krankenhäusern, die einen Sicherstellungszuschuss von 400.000 Euro bekommen, weil sie wegen ihrer Lage und der Einwohnerzahl als unverzichtbar gelten. Dazu allerdings müssen neben anderen Voraussetzungen auch die chirurgischen Möglichkeiten gegeben sein, was seit Dezember vergangenen Jahres wieder der Fall ist.

2019 hat die Unfallchirurgie die Zertifizierung zum Traumazentrum geschafft, die auch 2020 für Soltau und Walsrode erreicht werden soll. Weitere Zertifizierungen in Walsrode zum Kompetenzzentrum für minimalinvasive Chirurgie und zum Hernienzentrum sowie die angepeilte Zertifizierung zum Darmzentrum sorgten hier für eine Weiterentwicklung.

Begleitet wurden dies zum Teil auch durch bauliche Maßnahmen, so beispielsweise die Ertüchtigung und Modernisierung der Soltauer Operationssäle oder die Vergrößerung der Intensiveinheit in Walsrode.

Aber die Entwicklungs- und Veränderungspotentiale erstrecken sich nicht nur auf die medizinischen und pflegerischen Leistungen. So habe beispielsweise die Arztbriefschreibung durch Einführung des digitalen Diktats an Effizienz und Qualität gewonnen. Und durch ein neues Druckerkonzept habe das HKK auf 300 von bis dahin rund 700 Druckern verzichten können: „Das spart Geld“, so Rogge.

Mit Vortragsreihen und weiteren Maßnahmen ist das HKK 2019 kreisweit unterwegs gewesen, um Bürgerinnen und Bürger über interessante medizinische Themen und Möglichkeiten zu informieren und damit auch Vertrauen der Bevölkerung zurückzugewinnen.

Vertrauen ist dann auch das Stichwort, das Norden im Rückblick auf 2019 gebraucht. Das sei auf allen Ebenen, nicht nur zwischen Ärzten und Patienten, erforderlich: „Und dieses Vertrauen in der Zusammenarbeit von Aufsichtsrat und Geschäftsführung hat sich außerordentlich weiterentwickelt.“

Herausforderungen hält auch 2020 für das HKK mit seinen rund 1.200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auf etwa 800 Vollzeitstellen bereit. Hier nennt Rogge die Umsetzung der neuen Gesetzgebung - vom Pflegepersonal-Stärkungsgesetz bis hin zur Pflegepersonaluntergrenzen-Verordnung. Dies alles werde das Gesundheitswesen radikal verändern und habe zwar durchaus Vorteile, sei aber beispielsweise hochbürokratisch und beschere den Krankenhäusern durch Zeitverzug bei den Zahlungen unter Umständen Liquiditätsprobleme.

Was natürlich auch 2020 im Mittelpunkt stehen wird, ist der vorgesehene Neubau, der dereinst die beiden derzeitigen HKK-Häuser zusammenführen soll. Derzeit läuft noch das Raumordnungsverfahren (ROV), das im Herbst abgeschlossen sein soll. Dann wird sich herauskristallisieren, ob und welche der sieben Flächen im Heidekreis als Standort für einen Neubau geeignet ist und auch erworben werden kann. Neben raumordnerischen Aspekten geht es bei der Auswahl der Fläche aber noch um weitere komplexe Analysen, die zeigen sollen, wo ein neues HKK besonders erfolgreich betrieben werden könnte und wo nicht. Bis Ende des Jahres soll der Kreistag dann über den Standort entscheiden können und die Neubaupläne konkretisiert werden. Dann gibt es auch prüffähige Unterlagen für das Sozialministerium in Hannover - schließlich sollen von dort irgendwann die Millionen fließen.

Rogge unterstreicht in diesem Zusammenhang noch einmal, dass es keine Alternative zur Zusammenführung beider Häuser an einem Standort gebe, und zwar in einem Neubau. Er sei allerdings froh, „dass dies noch fünf bis sechs Jahre dauern wird, denn vieles muss vorher noch entwickelt und eingespielt werden. Alles, was wir jetzt machen, geschieht schon in Hinblick auf das neue Haus.“

Dazu gehöre auch ein Versorgungskonzept für die Patienten: „Wir müssen etwa ältere Patienten nach der stationären Behandlung entlassen, auch wenn sie noch Pflege brauchen. Hier sollen die Krankenhäuser etwa Kurzzeitpflege anbieten, bis der Patient entweder einen Heimplatz bekommt oder wieder nach Hause kann. Wir werden das hier entwickeln und an beiden Standorten prüfen, in welchem Umfang und welcher Tiefe wir das bieten können.“

Zwar, so Norden, sei die spätere Nachnutzungsfrage der Häuser in Walsrode und Soltau ein sensibler Bereich und könne heute noch nicht beantwortet werden, doch Rogge betont: „Wir denken nicht nur Krankenhaus.“

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