Fleißige Bienen aus dem Honigdorf: Hochwasserhilfe mit Herz

Wietzendorfer unterstützen mit großem Einsatz Opfer der Flutkatastrophe

Fleißige Bienen aus dem Honigdorf: Hochwasserhilfe mit Herz

Im Juli vergangenen Jahres zeigte sich einmal mehr, welch fürchterliche Kraft Wassermassen entwickeln können. Nach anhaltendem Starkregen mit mehr als 100 Litern Niederschlag pro Quadratmeter kam es in Teilen der Bundesländer Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen zu einer furchtbaren Flutkatastrophe mit verheerenden Folgen für die Menschen vor Ort. Die Ahr verwandelte sich in einen tödlichen Strom, der ein unfassbares Ausmaß an Zerstörung verursachte. 134 Menschen kamen ums Leben. Die Bilder aus dem Katastrophengebiet gingen um die Welt. Auch Felix Niggemeier (33) und seine Frau Yvonne (29) saßen in Wietzendorf entsetzt und fassungslos vor dem Fernsehgerät. Zunächst war ihnen noch nicht klar, dass sie schon wenige Tage nach der Katastrophe im beschaulichen Honigdorf eine beachtliche Hilfsaktion auf die Beine stellen würden. Doch nachdem Berufssoldat Niggemeier, der über einen Lkw-Führerschein verfügt, bei einem Hilfstransport ins Flutgebiet kurzfristig als Ersatz eingesprungen war, begann die Erfolgsgeschichte der „Hilfe aus der Heide“. Die Hilfsaktion ist ein tolles Beispiel dafür, wie eine kleine Initiative dank tatkräftiger Unterstützung Großes leisten und viel bewegen kann. Bewegt wurden in diesem Fall mit Hilfsgütern vollgepackte 40-Tonner. Ingesamt acht Transporte haben die Wietzendorfer unter anderem nach Euskirchen, Lindlar, Rösrath, Bad Neuenahr/Ahrweiler, Sinzig und Swisttal durchgeführt - und trafen im Hochwassergebiet auf äußerst dankbare Betroffene.

„Am 19. Juli habe ich einen Anruf bekommen, ob ich als Ersatzfahrer einspringen könnte. Da habe ich spontan ja gesagt, nicht unbedingt zur Freude meiner Frau, zumal unser kleiner Oskar da gerade mal 14 Tage auf der Welt war“, erinnert sich Felix Niggemeier. Genau eine Woche nach der Flutkatastrophe fuhr er gemeinsam mit seinem Nachbarn Gero Dünkel in einem Lkw, voll beladen mit Hilfsgütern, rund 430 Kilometer in die betroffene Region. „Wir sind durch die Randgebiete gefahren. Dort sahen wir zwar nur die ‚halbe Zerstörung‘, aber auch das war schon heftig und sehr prägend“, berichtet der Wietzendorfer. „Uns beiden war klar, wir müssen was machen. Wir wussten beide, dass diese Fahrt für uns keine einmalige Sache bleiben soll. Als wir abends gegen 18.30 Uhr wieder zu Hause waren, saßen Gero, meine Frau und ich zusammen im Wohnzimmer und haben uns Gedanken über weitere Hilfsmöglichkeiten gemacht. Das war sozusagen die Geburtsstunde von ‚Hilfe aus der Heide‘“, so Niggemeier.

Schon am nächsten Tag machte sich das Trio ans Werk, gründete eine Facebook-Gruppe, fragte im Katastrophengebiet nach, was dringend gebraucht wird und rief in der Heimat zu Spenden auf. „Damals wurden zunächst insbesondere Stromgeneratoren, Baustromverteiler, Kabel, Stromanschlussmaterial, Arbeitshandschuhe und Getränke und Verpflegung benötigt“, berichtet der Berufssoldat. Wichtigstes Arbeitsmittel war zunächst das Telefon, die „Rumtelefoniererei“ auch schnell von Erfolg gekrönt. Firmen und Betriebe stellten zum Beispiel nigelnagelneue Generatoren zur Verfügung, ein Soltauer Supermarkt steuerte drei Paletten Getränke bei. Und so füllte sich die Liste der Hilfsgüter von Stunde zu Stunde, die Buchhaltung übernahm Yvonne Niggemeier.

Fehlte noch das Transportmittel, schließlich hat nicht jeder Privathaushalt einen 40-Tonner auf dem Hof. Aber auch hier war die Hilfsbereitschaft bemerkenswert, griffen den Organisatoren der Aktion doch Unternehmen unter die Arme, deren Chefs ohne mit der Wimper zu zucken zigtausend Euro teure Zugmaschinen und Auflieger zur Verfügung stellten. Auch viele private Spenderinnen und Spender ließen sich nicht lumpen, so dass es neben den Gerätschaften zur Stromerzeugung mit einem Karton voller Arbeitshandschuhe, massenweise Getränken und jeder Menge Tierfutter über die Autobahn 2 ins rund 430 Kilometer entfernte Hochwassergebiet ging. „Die Menschen dort waren sehr dankbar. Viele konnten es kaum glauben, dass sich Leute, die kurz vor Hamburg leben, auf den weiten Weg machen, um zu helfen. Das haben wir immer wieder gehört“, berichtet Niggemeier.

Von Beginn an war die kleine Wietzendorfer Helfergruppe darauf erpicht, ihre Hilfsaktion transparent zu machen. „Die Spender wollen schließlich wissen, ob ihre Unterstützung auch vor Ort ankommt“, erklärt Niggemeier. Auf Facebook informierte er - auch mit kleinen Videos - über das Verteilen der Hilfsgüter vor Ort. Über das soziale Netzwerk wurde auch Lkw-Fahrer Nils Rieger (35) aus Wietzendorf auf die Aktion aufmerksam und nahm umgehend Kontakt mit dem Ehepaar auf, um mitzuhelfen. Auch Rieger konnte einen Lkw und Auflieger organisieren, so dass er und Niggemeier fortan gemeinsam „Kilometer fraßen“. Kontakt hielten die „Helden der Straße“ unterwegs über CB-Funk, über den andere Lkw-Fahrer wertvolle Tipps in Sachen Verkehrslage gaben. „Hin und wieder standen wir mal im Stau, insgesamt sind wir aber stets gut durchgekommen, da habe ich mit dem Auto schon Schlimmeres erlebt“, so der Initiator. „Wir waren aber immer froh, wenn wir von der A2 runter waren“, ergänzt Rieger.

Nach den ersten Touren stellte sich heraus, dass im Katastrophengebiet insbesondere Tierfutter, vor allem Heu für hungrige Pferde, Mangelware ist. „Als zentraler Anlaufpunkt diente eine Pferdepension, die als Einsteller für die Tiere von überfluteten Höfen diente. Und die hatte Not, alle Pferde zu versorgen“, erklärt Niggemeier.

Das, was die kleine Gruppe aus Wietzendorf insgesamt an Hilfe für die betroffene Region auf die Beine gestellt hat, kann sich sehen lassen. Insgesamt gab es acht Transporte mit Sattelzügen - und zwar im Juli, August, Oktober, November und Dezember vergangenen Jahres.

Und was hatten die „Trucker“ aus dem Honigdorf dabei insgesamt an Bord? Eine Menge: Sie transportierten 60 Rundballen, 170 Quaderballen und 135 Hochdruck-Ballen sowie eine Palette Spezialfutter im Gesamtwert von rund 12.000 Euro in das überflutete Gebiet, Hilfsgüter, die laut Niggemeier „komplett gespendet wurden.“ Weiterhin brachten sie Stromgeneratoren, Baustromverteiler, Kabel, Stromanschlussmaterial, Arbeitshandschuhe und Getränke im Wert von rund 15.000 Euro zu den Betroffenen in den beiden Bundesländern, „ebenfalls komplett gespendet“, wie der 33-Jährige unterstreicht, „unter anderem von der Soltauer Elektrotechnik GmbH.“

Die Hilfe war aber nicht nur auf eigene Transporte beschränkt. Die fleißigen Bienen aus dem Honigdorf organisierten über Sach- und Geldspenden Hilfsgüter wie Haushaltsgeräte, weitere Kabel und Anschlussmaterial im Wert von rund 4.800 Euro, die sie auf dem Postweg in die Region schickte oder anderen Hilfstransporten mit auf die Reise gab. Und weil die Wietzendorfer im Zuge des ersten Transportes Heuballen für den guten Zweck verkauft hatten, konnte sich die Kita-Elterninitiative „Kinderkurse Swisttal“ in Heimerzheim über einen Scheck in Höhe von 1.250 Euro freuen.

„Insgesamt haben wir Hilfsgüter in Höhe von 33.000 Euro bewegt“, zieht Niggemeier Bilanz. Nach wie vor begeistert sind er, seine Frau Yvonne und Nils Rieger von der großen Hilfsbereitschaft in ihrer Umgebung. „Das Landvolk Wietzendorf hat uns unterstützt und Bekannte aus Bayern haben uns den kompletten Erlös ihrer Benefiz-Rallye zur Verfügung gestellt. Die Firmen Firmen Heide-Design und ‚Marke ich‘ haben uns Magnetschilder für die Lkw gespendet. Hilfstransporte müssen beschildert sein, man muss nachweisen, dass man ehrenamtlich fährt“, berichtet der Berufssoldat. Im bürokratieverliebten Deutschland lassen sich eben auch Hilfsaktionen nicht ohne den üblichen „Papierkram“ abwickeln. Vollkommen unbürokratisch hingegen haben Speditionen und Unternehmen mit PS-starken Zugmaschinen und Aufliegern ausgeholfen. Und das rechnen ihnen die Helfer mit Herz aus dem Honigdorf hoch an. „Die Buhr-Gruppe mit der Buhr Logistik GmbH in Bergen sowie die Kraftverkehr Osthannover GmbH, kurz KOG, aus Celle stellten uns sechsmal einen Sattelzug zur Verfügung. Unser großer Dank geht hier an die beiden Geschäftsführer Walter Christoph Buhr und Tobias Heinecker. Und Jörg Bosselmann von der Geschäftsführung der KBM in Heber stellte uns in Verbindung mit Sascha Schröder von der Schröder GbR in Dorfmark zweimal einen Sattelzug“, listet Niggemeier auf. Die großzügigen Unterstützer hätten hier alle Kosten übernommen, „wir mussten nur die später zurückerstatte Maut und die Reinigung zahlen.“ Dazu „Kollege“ Nils Rieger: „Ich ziehe den Hut vor den Spediteuren und Unternehmen. Das ist in der heutigen Zeit nicht selbstverständlich.“

Rund 5.000 Kilometer war Niggemeier bislang für die gute Sache auf der Straße, Rieger circa 1.700 Kilometer. Letzterer hat sich beim letzten Transport beim Abladen eine Rückenverletzung zugezogen, die ihm immer noch arg zu schaffen macht. Eine Zwangspause war die Folge.

Ein weiterer Transport in diesem Monat oder im März ist angedacht, wobei die Planung nicht ganz einfach ist. Die Spediteure müssen einen freien Lkw zur Verfügung haben, die Abholung der Hilfsgüter von verschiedenen Spendern muss koordiniert werden. „Alle müssen an diesem einen Tag Zeit haben, alles muss zusammenpassen“, weiß Niggemeier. Was beim nächsten Mal an Bord kommt, steht schon fest: „Wir haben noch Tierfutter, außerdem gab es Anfragen nach Feuerholz. Eine Kleinmenge haben wir schon da. Wir suchen aber weiter nach Spendern, die Feuerholz zur Verfügung stellen können“, so der Wietzendorfer. Interessierte, die die Initiative „Hilfe aus der Heide“ unterstützen möchten, können über Facebook oder per E-Mail an felix.niggemeier@web.de Kontakt aufnehmen.

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