In Bockel mächtig Staub aufgewirbelt

Rund 1.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer protestieren gegen Neubaupläne der Bahn

In Bockel mächtig Staub aufgewirbelt

Mächtig Staub wurde am vergangenen Freitag im Wietzendorfer Ortsteil Bockel aufgewirbelt - und zwar nicht nur auf dem zum Parkplatz umfunktionierten Acker, sondern auch im übertragenden Sinne in den Beiträgen zahlreicher Rednerinnen und Redner, die bei der Informations- und Protestveranstaltung gegen die Neubau-Planungen der Deutschen Bahn (HK berichtete) mobil machten. Mit einer Trecker-Armada, Schildern und Transparenten machten die Teilnehmer ihrem Unmut Luft. Um zu veranschaulichen, was sie nicht in der Landschaft sehen wollen, hatten die Organisatoren der Veranstaltung einen imposanten Bahndamm aus rund 1.000 Strohballen errichtet und darauf einen ICE aus etwa 40 Rundballen platziert. „Keine Wand durch unser Land!“ stand auf der einen Seite des Dammes, „Ausbau statt Neubau!“ auf der anderen. Bei großer Hitze nutzten viele der insgesamt rund 1.000 Protestlerinnen und Protestler den Schatten, den das „Bauwerk“ warf.

Wietzendorf als „anerkannter Erholungsort“ ist mit einer Fläche von circa 107 Quadratkilometern und rund 4.200 Einwohnern landwirtschaftlich und touristisch geprägt. Groß ist die Angst, dass eine Bahn-Schnelltrasse die Landschaft durchschneidet, den Ortsteil Bockel vom Kernort abtrennt. In der Gemeinde wird befürchtet, dass landwirtschaftliche Betriebe und Tourismus erheblich unter einer ICE-Trasse zu leiden hätten. Deshalb spricht sich die Gemeinde klar gegen einen Neubau aus und fordert die Umsetzung der im Jahr 2015 im Dialogforum Schiene Nord gefassten Beschlüsse, fordert die Umsetzung von Alpha-E.

Zur Protestkundgebung waren zahlreiche Vertreterinnen und Vertreter diversen Bürgerinitiativen angereist. Das „Publikum“ war bunt gemischt: Landwirte, Lokalpolitiker, Bürgermeisterinnen und Bürgermeister zeigten ebenso Flagge wie zahlreiche Familien, die mit dem Rad zur Veranstaltung gekommen waren. Zu Beginn spielten die Organisatoren über die Lautsprecheranlage Statements des früheren Bahnvorstandes Volker Kefer und des damaligen Staatssekretärs im Bundesverkehrsministerium, Enerk Ferlemann, ab. Und so wurden die Protestler Ohrenzeugen, hörten noch einmal das, was die Verantwortlichen damals nach der Einigung auf Alpha-E in die Mikrofone gesagt hatten. „Wir akzeptieren dieses Ergebnis und werden es unterstützen. Ich bin mir ganz sicher, dass wenn 2030 die Kapazitäten knapp werden sollten, dass uns dann entsprechende Maßnahmen einfallen - und zwar im Ausbau, nicht im Neubau“, sagte Kefer seinerzeit.

„Schöne Worte“, kommentierte Wietzendorfs Bürgermeister Jörg Peters die Aufnahmen. Gerade erst habe Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil bei einem Termin in Bergen betont, ohne Wenn und Aber zu Alpha-E zu stehen. „Da frage ich mich doch, wie es sein kann, dass die Deutsche Bahn das seit sieben Jahren ignoriert und die Planungen einfach nicht vorantreibt. Zumal das Land Niedersachsen auch noch finanzielle Unterstützung zugesagt hatte.“ Peters sprach von „Vertrauensverlust“: „Warum soll man sich denn noch einsetzen in einem Prozess, wenn das Ergebnis hinterher in die Tonne getreten wird?“ Mit den Neubauplanungen trotz Alpha-E „werden Wunden gerissen, die so schnell nicht geheilt werden“, konstatierte der Bürgermeister. Er appellierte an die hiesigen „Volksvertreter auf Bundes- und Landesebene“ abzuwägen zwischen den wirtschaftlichen Interessen der Bahn und den Interessen ihrer Bürger: „Wägen Sie ab zwischen zehn Minuten Fahrzeitverkürzung und dem Vertrauensverlust Ihrer Wähler. Wägen Sie ab zwischen dem Flächenfraß, der hier stattfinden würde und dem Schutz unserer Umwelt. Halten Sie fest an dem, was im Dialogforum beschlossen wurde. Stehen Sie zu ihrem Wort. Machen Sie der Deutschen Bahn klar, wer Herr im Haus ist und wer die Interessen seiner Bürger vertritt.“

Bevor Landrat Jens Grote das Mikrofon übernahm, rauschte mit ohrenbetäubendem Lärm ein ICE vorbei - zumindest akustisch. Nach diesem „Einspieler“, der verdeutlichen sollte, auf was sich die Anlieger einstellen müssen, sollte die Neubautrasse realisiert werden, berichtete Grote über die von der Bahn ins Feld geführten Alternativvarianten, die sich an der Autobahn 7 orientieren. Die eine Variante zieht sich an der Autobahn entlang durch den gesamten Heidekreis, die andere bei Soltau entlang macht an der Bundesstraße 3 bei Wietzendorf einen Knick. Laut Grote „müssen wir diese Variante aktuell am meisten ernstnehmen.“ Was die Planungen der Bahn angehe, so hätten er und die Hauptverwaltungsbeamten im Landkreis schnell das Gefühl bekommen, „es wird ein Programm abgespult - ohne dass wir als Gesprächspartner ernst genommen werden. Man tut bei der Bahn so, als hätte es das Dialogforum Schiene Nord nie gegeben.“ Allerdings wisse man in Berlin ganz genau, „wie stark wir hier im Landkreis zusammenhalten“, unterstrich der Landrat. Bürgermeister, Landräte, Landtagsabgeordnete und Bundestagsabgeordnete stünden Seite an Seite, hätten „ein starkes Zeichen“ gesetzt. Protestaktionen wie die in Wietzendorf seien jedoch auch weiterhin notwendig. „Wenn Sie nachlassen, wird es auch für uns schwieriger, gehört zu werden“, rief Grote den Versammlungsteilnehmern zu.

Auch die anderen Rednerinnen und Redner appellierten, in Sachen Protest nicht nachzulassen, weiter Flagge zu zeigen. Tenor der Beiträge: Es sei klar, dass mehr Verkehr auf die Schiene müsse. Dennoch laute der Auftrag „Bestandsausbau“. Das betonte auch CDU-Bundestagsabgeordneter Henning Otte: „Wenn die Bahn glaubt, ihre alten Neubaupläne absprachewidrig gegen den Willen der Bürgerinnen und Bürger durchdrücken zu können, hat sie sich getäuscht.“

CDU-Landtagsabgeordnete Gudrun Pieper erinnerte daran, dass das Bürgerbeteiligungsverfahren Dialogforum Schiene Nord zu einer „breit akzeptierten, kompromissfähigen Lösung“ geführt habe und der niedersächsische Landtag diese Initiative in einem gemeinsamen Beschluss am 23. November 2016 mehrheitlich unterstützt habe. Ein Neubau sei zu keiner Zeit Diskussionsgrundlage gewesen.

„Vertrauen darf nicht leichtfertig aufs Spiel gesetzt werden“, konstatierte SPD-Landtagskandidatin Tatjana Bautsch. Sie verlas, wie bereits bei der Kundgebung in Bispingen, ein Statement des SPD-Bundestagsabgeordneten Lars Klingbeil, der wegen einer Auslandsdienstreise nicht vor Ort sein konnte. Er, Klingbeil, könne versichern, „dass die Entscheidung über den Bahnausbau noch nicht gefallen ist.“ Um weiterhin Geschlossenheit zu demonstrieren, sei es wichtig, „dass wir uns bei diesem Thema gegenseitig unterstützen und nicht in den Rücken fallen oder parteipolitisch taktieren.“

„Wir wollen die Mobilitätswende. Es kann aber nicht sein, dass die Großstädte profitieren und wir hier auf dem Land alles ausbaden müssen“, sagte CDU-Landtagskandidat Henrik Rump. „Wir werden das nicht zulassen“ rief Stefan Müller von der Bürgerinitiative „unsYnn“ ins Mikrofon: „Wir werden mehr und wir gehen auf die Straße!“

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