Neue Eindampfanlage - „dufte“ Sache

Millionenprojekt in Wietzendorf: Stärkewerk investiert in moderne Technik für weniger Emissionen und Geruch

Neue Eindampfanlage - „dufte“ Sache

Wenn hohe Summen in moderne Technik und Bauvorhaben investiert werden, um für die Bevölkerung oder sogar ganze Landstriche etwas Neues und Bedeutendes zu schaffen, bemühen Planer gern das Wort „Leuchtturmprojekt“. Diesen mittlerweile etwas überstrapazierten Begriff benutzen Thomas Hergenröther und Tobias Niemeyer nicht. Stattdessen erklären der Werksleiter und der Projektingenieur von der Emsland-Stärke GmbH entspannt und sachlich, was es mit der neuen Eindampfanlage für das Wietzendorfer Stärkewerk auf sich hat. Dabei ist das Herzstück des Millionenprojekts einem Leuchtturm - zumindest in der Form - nicht unähnlich: Mehr als 30 Meter wird die Metallkonstruktion in die Höhe ragen. Im Inneren sorgt der sogenannte Fallstromverdampfer dafür, dass sich die Restfruchtwassermenge enorm verringern wird. Ein weiterer Effekt des geschlossenen Systems: „Keine Geruchsemissionen mehr“, freuen sich die beiden Fachleute. Eine „dufte“ Sache also für Wietzendorf. Baubeginn ist im dritten Quartal.

Hergenröther, seit nunmehr 23 Jahren im Unternehmen tätig, schaut im Supermarkt gern auf die Rückseiten verschiedener Verpackungen. Und oft ist dort sein Arbeitgeber aufgelistet: Das Werk Wietzendorf produziert pro Jahr fast 60.000 Tonnen Stärke und circa 3.000 Tonnen Proteine, die von zahlreichen Lebens- und Futtermittelproduzenten weiterverarbeitet werden.

Rohstoff für die Stärke- und Proteinproduktion sind Kartoffeln - sehr, sehr viele Kartoffeln: Mehr als 250.000 Tonnen liefern die etwa 400 Erzeuger aus einem Umkreis von bis zu 100 Kilometern an. Und bald geht es wieder los auf dem Gelände vor den Toren des Honigdorfes im Ort Klein Amerika: Im dortigen Stärkewerk startet Ende August die sogenannte Kampagne, bei der die Maschinen und Anlagen bis Ende Dezember auf Hochtouren laufen. Das passiert in Wietzendorf seit nunmehr einem halben Jahrhundert: Im Februar 1971 nahm die Stärkefabrik ihren Betrieb auf. Seit Mitte 1986 wurde das Werk von der Emsland Group geführt, bevor es Anfang 2008 ganz in den Besitz der Konzerns überging.

Das Unternehmen investiert nun eine hohe Summe, um den Standort mit der Eindampfanlage aufzurüsten: „Die Kosten für das Projekt liegen im niedrigen zweistelligen Millionenbereich“, kalkuliert Hergenröther. Das neue System sei aber ein wichtiger Faktor zur Standortsicherung, hebt der Werksleiter hervor, „eine Investition in die Zukunft und die etwa 65 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hier.“ Ein tolles und treues Team, lobt Hergenröther, „und alle ziehen bei dem Projekt mit.“ Eine Modernisierung mit einer neue Anlage von solchen Dimensionen gebe aber auch den vielen Kartoffellieferanten mehr Planungssicherheit: „Wir sind zwar ein Industriebetrieb, arbeiten aber natürlich direkt mit der Landwirtschaft zusammen.“

An mehreren der insgesamt sieben Betriebe der Emsland Group ist bereits eine solche Eindampfanlage in Betrieb. „Bewährte Technik“, weiß Niemeyer, und die werde vor allem die Menge an Abwasser ganz erheblich reduzieren: Gut 120.000 Kubikmeter Frischwasser werden pro Saison für die Produktion benötigt, bei der die Kartoffeln, die selbst zu etwa 70 Prozent aus Wasser bestehen, erst gewaschen und dann vermahlen werden, um schließlich die Stärke auszuspülen. Übrig bleiben die Fasern der Erdäpfel - „und eine Menge Abwasser“, weiß der Projektingenieur, nämlich rund 230.000 Kubikmeter, die größtenteils per Lkw abtransportiert werden. Ohne Eindampfanlage entstanden durch die Gärungsprozesse Gerüche. „Ein Problem“, ist sich Hergenröther bewusst, „denn wenn im Sommer der Wind ungünstig steht“, so der Werksleiter, dann habe das umliegenden Anwohnern im wahrsten Sinne des Wortes „gestunken“.

„Die neue Anlage wird jedoch nicht allein die Geruchsbelastung minimieren, sondern auch der Lkw-Verkehr zum Abtransport des Abwassers wird erheblich abnehmen“, erklärt Niemeyer. Denn der Rohrbündelwärmetauscher im Turm der Anlage sorgt dafür, dass Wasser und Reststoffe getrennt werden. Die Menge an „schmutzigem“ Abwasser kann so um etwa 95 Prozent reduziert werden. Nach dem Verdampfungsvorgang von bis zu 90 Kubikmetern Restfruchtwasser pro Stunde bleiben sogenanntes Brüdenkondensat, das als Frischwasserersatz beispielsweise wieder in die Produktionsprozesse oder in die landwirtschaftliche Bewässerung einfließen kann, und ein kleiner Teil Konzentrat übrig. Letzteres Nebenprodukt, kurz PPL genannt (Abkürzung für „Potato Protein Liquid“) wird quasi ein neuer Artikel im Angebot des Stärkewerks, ist dann aber nicht im Supermarktregal zu finden: „PPL ist nämlich ein hochwertiger Dünger auf biologischer Basis“, so der zuständige Projektingenieur.

Die Eindampfanlage, für deren Errichtung die Vorbereitungsarbeiten bereits angelaufen sind und einige alte Segmente abgerissen wurden, entsteht nahezu zentral auf dem Gelände: „Wir bauen mitten im Werk etwas ganz Neues an“, erläutert Niemeyer. In einer Halle wird die Anlagentechnik untergebracht sein - „umgeben von massivem Stahlbeton. Das schluckt eine Menge Schall der Maschinen“, hebt der Projektingenieur einen weiteren Vorteil des neuen Anlage hervor. „Wir wollen nämlich auch die Geräuschemissionen langfristig senken“, ergänzt Hergenröther. Neben dem neuen Gebäude findet sich das sogenannte Behälterfeld, aus dem der Wärmetauscher-Turm herausragen wird. „Mit 34 Metern wird er höher als unsere bestehendes Silo mit etwa 30 Metern“, so der Projektingenieur.

Nach der langen Planungsphase seien seit Ende 2020 bereits Aufträge für die Umsetzung des Bauprojekts erteilt worden, „und wir arbeiten hierbei auch mit mehreren Firmen aus der Region zusammen“, freut sich der Werksleiter. Der neue Gebäudeteil, hofft er, solle noch dieses Jahr errichtet werden, „etwa im Juni 2022 wird dann alles fertig sein.“ Mit dem Start der Kampagne im kommenden Jahr werde dann die Produktion über die neue Anlage laufen. Und vielleicht lasse sich die Einweihung des neuen „Leuchtturms“ in Klein Amerika dann auch gebührend feiern, hoffen Hergenröther und Niemeyer: „Ein Fest zum 50jährigen Bestehen des Wietzendorfer Werks konnte es wegen der Corona-Pandemie leider nicht geben.“

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