Erinnerung an Erschlagene

269 Opfer: Dunkles Kapitel Wolterdinger Geschichte vor 75 Jahren

Erinnerung an Erschlagene

Am vergangenen Sonntag wies der Wolterdinger Pastor Torsten Schoppe in seiner Osterpredigt im Internet auf lange vergangene, aber nicht vergessene Greueltaten hin - denn am 12. April jährte sich ein besonders dunkles Kapitel der Wolterdinger Dorfgeschichte zum 75. Mal: 1945 wurden in einem Waldstück direkt neben der Bahnstation 269 Menschen totgeschlagen.

Dem Vergessen entrissen haben die Autoren des Buches „Nur Gott der Herr kennt ihre Namen - KZ-Züge auf der Heidebahn“ das grausige Geschehen. In dem 1991 erstmals erschienenen Band schildern die Autoren - unter anderen der Schneverdinger Adolf Staack - die grausame Realität rund um die Transporte von KZ-Häftlingen auf der Heidebahn.

Die Bahnstrecke diente als Verbindung zwischen den Konzentrationslagern Bergen-Belsen und Neuengamme und wurde mit dem Näherkommen der alliierten Truppen auch verstärkt für Häftlingstransporte genutzt, vor allem aus den im Harz befindlichen Lagern. Mehr als 600 Tote aus diesen Transporten liegen in Massengräbern - nicht nur auf dem Friedhof in Wolterdingen, auch in Soltau, Schneverdingen und Handeloh.

Für die Schilderung der historischen Ereignisse und Verbrechen während des Nazi-Regimes sowie den Umgang mit dieser Vergangenheit haben die Autoren akribisch und systematisch in Archiven recherchiert und Augenzeugen befragt.

Bei den Wolterdinger Opfern handelte es sich um Insassen des KZ Neuengamme, die - zusammengepfercht in Viehwaggons - nach Bergen-Belsen transportiert werden sollten. Die Fahrt nach Belsen wurde in den Apriltagen jedoch unterbrochen, da Soltau und der dortige Bahnhof unter den Luftangriffen der Alliierten zu leiden hatten. Deshalb blieb der Zug mit den Deportierten mehrere Tage in Wolterdingen stehen, ohne dass die Menschen die Züge verlassen konnten.

Einige Wolterdinger wagten es, den Gefangenen im Zug Wasser und Suppe anzureichen, doch nach einigen Tagen gaben die SS-Leute den Befehl aus, dass die geschundenen und fast verhungerten Frauen, Männer und Kinder im nahen Wald eine Reihe von Gruben auszuschaufeln hatten, ihre eigenen Gräber. Anschließend wurden die vollkommen entkräfteten Gefangenen mit Knüppeln und Gewehrkolben geprügelt und in die Gräber geworfen, einige lebten noch, als die Gruben zugeschaufelt wurden. So starben 269 Menschen aus vielerlei Nationen ganz kurz vor dem Einmarsch der Alliierten. Denn rund zwei Wochen später rückten englische Truppen an und befreiten auch diese Gegend von den Nazis.

Die frischen Gräber wurden entdeckt und geöffnet. Den Befreiern bot sich ein Bild des Schreckens, „horrible“ heißt es in entsprechenden Unterlagen. Sie zwangen daraufhin die Dorfbevölkerung Wolterdingens, sich dieses Kriegsverbrechen anzuschauen. Männer des Ortes mussten Särge bauen, und die Frauen und älteren Kinder wurden aufgefordert, die Toten, die zum Teil lebendig begraben worden waren, aus den Gruben zu bergen und einzusargen. Danach wurden die Verstorbenen auf dem nahegelegenen Friedhof beigesetzt.

Ein größerer Gedenkstein bezeugt das Grauen, die Scham und die Schuld. Im Internet ist der Text aus dem Buch „Nur Gott der Herr kennt ihre Namen“ zu finden unter www.kz-zuege.de/inhalt.htm. „Und es gibt noch Menschen in Wolterdingen, die sich an die schrecklichen Tage zum Ende des Krieges erinnern können, weil sie damals als Jungen und Mädchen von 14 oder 15 Jahren am Ort des Geschehens Zeugen wurden“, so Pastor Schoppe, der die Erinnerung weiter wachhalten möchte, damit sich solche Schrecken nicht wiederholen.

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